Kinder mehr in die Erwachsenenwelt einbeziehen

Die Wissenschaftsjournalistin Michaeleen Doucleff ist der Ansicht, dass in der westlichen Kultur Kinder ständig zu irgendetwas gezwungen werden, wobei Zwang zu Konflikt führt, die Kommunikation untergräbt und Wut aufbaut, und zwar auf beiden Seiten. Früher wurden Kinder in größeren Gruppen großgezogen, wobei immer mindestens fünf Erwachsene um sie herum waren. Im Lauf der vergangenen tausend Jahre schrumpfte die westliche Familie zusammen und besteht meist lediglich noch aus Mutter, Vater und Kindern. Nicht nur die Großeltern sind abhanden gekommen, sondern auch Tanten und Onkeln, Nachbarn und Besuchern. Heute sind die Eltern meist auf sich allein gestellt, wobei durch diese Isolation die Mütter und Väter auch ihre „Lehrer“ verloren haben, denn Erziehung ist eine Fähigkeit, die man sich vor allem von anderen abschauen kann.

Doucleff untersuchte die Erziehungsmethoden der Maya, der Inuit sowie der Hadza aus Tansania, führte Interviews, recherchierte in anthropologischer Literatur, führte Hospitationen durch und wohnte sogar für eine Zeit mit ihrer Tochter bei Familien. Sie reflektierte dabei die Erziehungsmethoden und Perspektiven der westlichen Welt, erklärt Hintergründe und gesamtgesellschaftliche Kontexte und zeigt auf, wie die westliche Welt die emotionalen Fähigkeiten der Kinder oft überschätzt, die körperlichen Fähigkeiten jedoch oft unterschätzt. In den letzten hundert Jahren wurden zwei Welten erschaffen, und zwar die Erwachsenenwelt und die Welt der Kinder. In der einen spielt sich das normale Leben ab, d. h., Menschen arbeiten, machen den Haushalt, haben Pflichten, während die andere eine Art Fantasiewelt ist. Dort geht es nur um das Kind, es gibt spezielles Essen, spezielle Aktivitäten und vor allem ständige Unterhaltung. Indem man Kinder ständig in dieser Fantasiewelt verweilen lässt, tut man ihnen nichts Gutes, denn sie lernen nie, sich in der normalen Welt zurechtzufinden. Viele Eltern sind Dauerunterhalter für ihre Kinder, ihre Eventmanager, denn sie wollen ständig, dass sie sich in etwas verbessern, erwarten ungeduldig ihren nächsten Entwicklungsschritt. Sie sind nicht in der Lage, einfach einmal still zu sein und ihnen beim Spielen zuzuschauen. In anderen Kulturen ändern Menschen ihr Leben nicht komplett, wenn sie Kinder bekommen, sondern sie beziehen sie in ihr Leben ein. Nur wenn man Kinder in die Erwachsenenwelt einbezieht, lernen sie zu kooperieren und Teil des Teams, der Familie zu sein.

Kinder haben eine Art angeborenen Willen zum Helfen und sind ganz erpicht darauf, in der Nähe ihrer Eltern zu sein und mitzumachen. Dabei sollte man dem Kind keine unnötigen Aufgaben geben, nur damit es beschäftigt ist, sondern echte Aufgaben, zu denen es in der Lage ist. Kinder mögen das Gefühl, beteiligt zu sein. Übrigens ist dann Lob unnötig, um Kinder zu motivieren, denn sie sind von sich aus motiviert. Weit wirksamer als Lob ist es daher, den Beitrag des Kindes einfach zu akzeptieren, so wie er ist, wobei ein einfaches Kopfnicken oder ein Danke genügen. Viele Kinder sind übrigens von den großen Mengen an Spielzeug total überreizt und spielen in Wirklichkeit ohnehin nicht damit, d.h., Spielzeug ist wie Lob komplett unnötig.

Literatur

Doucleff, Michaeleen (2021). Kindern mehr zutrauen. Erziehungsgeheimnisse indigener Kulturen. Stressfrei – gelassen – liebevoll. Kösel-Verlag.
https://www.derstandard.at/story/2000131154247/autorin-wir-sollten-unsere-kinder-nicht-staendig-zu-etwas-zwingen (21-11-28)