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Der frühe Spracherwerb

Sprache lernen im Vorübergehen! Lernposter

Bisher wusste an über den frühen Spracherwerb, dass sich Babys und Kleinkinder mit zunehmendem Alter auf Konsonanten und Vokale ihrer Sprache konzentrieren und dabei Laute ausschließen, die nicht zu ihrer Muttersprache gehören. David Swingley (University of Pennsylvania) untersuchte nun die Sprachentwicklung bei Babys, indem man diesen zwei Bilder präsentierte, etwa einen Apfel und einen Hund, dann einen der beiden Begriffe benannte und beobachtete, welche Augenbewegungen die benannten Begriffe auslösten. Dann veränderte man die Begriffe ein wenig, indem man verschärfte Konsonanten oder verlängerte Vokale verwendete. Diese falsche Aussprache führte dazu, dass die Kinder weniger oft auf das richtige Objekt blickten, womit bewiesen wurde, dass sogar schon Einjährige Aussprachefehler unterscheiden können. Offensichtlich erlernt ein Kind zuerst den Wortklang und erst später die Bedeutung. Sechs Monate alte Babys aus englischsprachigem Umfeld konnten sogar zwischen ähnlichen Konsonanten der Sprache Hindi, die es im Englischen nicht gibt, unterscheiden, verloren diese Fähigkeit jedoch mit einem Jahr wieder. Kinder lernen also zuerst den Klang möglichst vieler Wörter und sammeln erst später Information über deren Bedeutung. Schon mit acht Monaten können sie somit Wörter nach ihrer Hörform wiedererkennen, aber erst zehn Monate später wissen sie auch um deren Bedeutung Bescheid und unterscheiden sie von ähnlichen Wörtern. Auch das Sprechhören entwickelt sich erst allmählich: Sieben Monate alte Kinder erkennen dasselbe Wort noch nicht wieder, wenn es von Mann und Frau oder mit verschiedenen Betonungen ausgesprochen werden, aber im Alter voni zehn Monaten gelingt es schließlich.

Spracherwerb hängt also in hohem Maße mit der Fähigkeit zur frühen Wiedererkennung von Wörtern zusammen, denn Babys schaffen es, Sprachlaute und Hörformen von ganzen Wörtern wahrzunehmen und damit ihren Wortschatz zu vergrößern und die Sprache grammatikalisch richtig zu erlernen.

Erwerb der Phoneme

Die schnelle Hirnaktivität und damit die Fähigkeit, schnelle Signale zu verarbeiten, entwickelt sich erst in den ersten Lebensjahren. Diese späte Entwicklung der schnellen Hirnaktivität im Säuglingsalter schränkt die anfängliche Verarbeitungskapazität auf langsame Informationen ein, dennoch erwerben Säuglinge die kurzlebigen Sprachlaute ihrer Muttersprache bereits im ersten Lebensjahr. Mit einer neuen Methode untersuchten Menn et al. (2023) den Erwerb von Phonemen bei Säuglingen im Alter von 3 Monaten bis 5 Jahren, von denen bekannt ist, dass sie die Sprachverarbeitung im reifen Gehirn bestimmen. Es zeigte sich, dass die neuronalen Antworten auf einheimische Phoneme im Laufe der Entwicklung allmählich zunehmen, wobei entscheidend ist, dass Säuglinge zunächst solche Phonemmerkmale zu erwerben scheinen, die sich über längere Zeitintervalle erstrecken und damit der langsamen Verarbeitungskapazität von Säuglingen entsprechen. Kürzere Phonemmerkmale werden dann schrittweise hinzugefügt, wobei die kürzesten zuletzt erworben werden. Diese Studie zeigt, dass die ontogenetische Beschleunigung der Elektrophysiologie den frühen Spracherwerb beeinflusst, indem sie die Dauer der erworbenen Einheiten bestimmt. Der frühe phonologische Erwerb hängt also von der Dauer der phonologischen Merkmale ab, d.h. von den Grundbausteinen der Phoneme. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Entwicklung der Hirnaktivität den frühen Spracherwerb beeinflusst, indem sie die Dauer der Einheiten bestimmt, die erworben werden können. Das Babygehirn ist zwar langsam, aber schnell genug, um die Muttersprache zu erlernen.

Linguisten sind übrigens der Ansicht, dass Worte wie „Wauwau“ oder „Gackgack“ eine wichtige Funktion erfüllen und Hochdeutsch beim Erlernen der Sprache bei Kleinkindern überbewertet wird, und dass Baby-Pseudonyme Booster für den Spracherwerb darstellen. Babys haben ein natürliches Interesse an Sprache, brauchen aber Unterstützung beim Lernen. Wichtig ist allerdings, dass Eltern Variation in die Ansprache ihres Kindes zu bringen, also „Schau mal, ein Wauwau“ oder „Schau mal, ein Hund“ sagen.


Früher Spracherwerb einer Zweitsprache

Früher war man der Ansicht, dass ein guter früher Fremdsprachenunterricht Vorteile mit sich bringt, was etwa dazu führte, den Englischunterricht in immer niedrigere Schulstufen zu verlegen. So hatten Schüler in Österreich in den 1970er-Jahren ab der Mittelschule Englisch, in den 1980ern ab der dritten Volksschulklasse und seit den 1990ern ab der ersten Volksschule. Wichtiger hingegen ist es, die Erstsprache, also die, in der man erstmals schreiben und lesen lernt, gut zu beherrschen, um eine solide Grundlage für die Zweitsprache zu bilden. Beim Zweitspracherwerb hat das Alter bei Lernbeginn wenig Einfluss, denn Studien zeigen, dass SchülerInnen, die erst mit 13 Jahren Englischunterricht hatten, im Alter von 18 Jahren auf dem gleichen Niveau waren wie Schüler, die in der Volksschule fünf Jahre Englisch hatten.

Im Gegensatz zu Erwachsenen können Babys noch mühelos lernen, die Laute aller Sprachen zu unterscheiden, doch sie verlieren diese Fähigkeit im Alter von sechs bis zwölf Monaten, wenn sich ihr Hörvermögen auf die vertrauten Klänge der Muttersprache spezialisiert. Deshalb fällt es etwa Französischsprachigen später schwer, das „h“ zu hören und auszusprechen, das in ihrer Muttersprache nicht existiert, doch anhand vieler Hörbeispiele können sie es dennoch lernen. Die Wahrnehmung zu trainieren, hilft also nicht nur beim Hörverstehen, sondern auch bei der Aussprache, wenn auch etwas weniger.


Mollica & Piantadosi (2019) haben übrigens untersucht, wie viele Bits und Bytes das menschliche Gehirn für das Sprechen und Verstehen der Muttersprache benötigt. Für die Studie hat man einen eher groben Ansatz gewählt, der die nötige Datenmenge unabhängig von den verschiedenen Theorien zum Spracherwerb erfasst. Beginnend bei der kleinsten Einheit des Sprechens den Lauten oder Phonemen über die Wörter bis hin zur lexikalische Semantik mit Worthäufigkeit und Syntax ergab sich eine Gesamtsumme für das Englische etwa 12,5 Millionen Bits an Sprachdaten, was etwa 1,5 Megabytes entspricht. Umgerechnet auf digitale Datenspeicher passt daher das menschliche Sprachwissen eines Erwachsenen fast vollständig auf eine Floppy-Disk. Um dieses Sprachwissen anzusammeln, muss ein Mensch innerhalb der ersten achtzehn Lebensjahre im Schnitt ein- bis zweitausend Bits pro Tag allein für das Sprachlernen speichern und erinnern.


Literatur

Menn, Katharina H., Männel, Claudia & Meyer, Lars (2023). Phonological acquisition depends on the timing of speech sounds: Deconvolution EEG modeling across the first five years. Science Advances, 9, doi:10.1126/sciadv.adh2560.
Mollica, Francis & Piantadosi, Steven T. (2019). Humans store about 1.5 megabytes of information during language acquisition. Royal Society Open Science, doi:10.1098/rsos.181393
Pfenninger, S. E. & Singleton, D. (2017). Beyond Age Effects: Variables Trumping the Age Factor in Instructional L2 Learning. Bristol: Multilingual Matters.
Stangl, W. (2008, 13. November). Das Tempo des Spracherwerbs bei Kleinkindern passt sich den Tempo des Gehirns an. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/4791/das-tempo-des-spracherwerbs-bei-kleinkindern-passt-sich-den-tempo-des-gehirns-an.
http://www.pressetext.ch/pte.mc?pte=081031029 (08-11-01)
http://diepresse.com/home/Wissenschaft/5094542/ (16-09-30)



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