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Mehrsprachigkeit verändert das Gehirn

Sprache lernen im Vorübergehen! Lernposter

Mehrsprachigkeit stellt grundsätzlich kein Problem für das menschliche Gehirn dar, wobei Untersuchungen zeigen, dass Mehrsprachige manchmal sogar Vorteile haben, die über das größere Sprachvermögen hinausgehen, denn sie können sich auch besser konzentrieren oder sich besser in andere Menschen hineinversetzen. Ihr Gehirn ist auch meist bis ins hohe Alter flexibler, denn Mehrsprachige müssen, wenn sie eine Sprache sprechen, die andere unterdrücken bzw. kontrollieren, da alle Sprachen Teil eines einzigen Sprachsystems im Gehirn sind, denn spricht man eine Sprache, muss das Gehirn die andere in den Hintergrund rücken, da automatisch alle Sprachen gleichzeitig aktiviert sind, sobald das Sprachzentrum aktiv wird. Um die jeweils konkurrierende Sprache in Schach zu halten, entwickelt das Gehirn von Mehrsprachigen früh eine kognitive Kontrolle, indem in bestimmten Areale des Gehirns, die für die Steuerung der Sprache verantwortlich sind, ab dem Kleinkindalter mehr graue Substanz in Form von Nervenzellen angelegt wird. Dadurch sind diese Areale des Gehirns, der Nucleus caudatus und der Anteriore cinguläre Cortex leistungsfähiger. Da diese beiden Bereiche nicht nur Teil des Sprachsystems sind, sondern auch anderer wichtiger Systeme wie Aufmerksamkeit oder Empathie, profitieren diese Fähigkeiten von der Mehrsprachigkeit ebenfalls.

Mehrsprachigkeit beeinflusst also nicht nur die geistigen Fähigkeiten der Menschen, sondern bewirkt auch nachweislich anatomische Veränderungen an bestimmten Strukturen des Gehirns. Man hat etwa herausgefunden, dass die beiden Fremdsprachen im Gehirn bei der Interaktion mit der Umwelt immer gleichzeitig aktiviert werden, d. h., mehrsprachige Kinder rufen immer zwei Wörter im Gehirn ab. Wenn etwa ein kroatisches Kind, das auch Deutsch gelernt hat, einen Hund sieht, ruft es sowohl das kroatische als auch das deutsche Wort für Hund ab. Bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, ist das Steuerungszentrum im Gehirn, das schließlich entscheidet, welches Wort verwendet werden soll, besonders gut ausgeprägt. Das ist auch für den Alltag sehr hilfreich, wenn etwa sehr viele Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen. Mehrsprachige Kinder und Erwachsene können Aufgaben auch dann besser ausführen, wenn zahlreiche Störreize vorhanden sind, denn sie haben gelernt, eine Sprache immer auszublenden, wenn sie nicht gerade benötigt wird, was auch bei Störreizen angewendet werden kann. Mehrsprachige Kinder haben daher insgesamt weniger Probleme, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Es war schon bisher in einigen Untersuchungen festgestellt worden, dass sich Bilingualität bei Erwachsenen positiv auf die Gehirnstruktur und die kognitiven Leistungen auswirkt. Nun zeigte sich, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche das Erwachsenenalter mit mehr grauer Substanz im Gehirn erreichen, was auf eine effizientere Kommunikation in ihrem Gehirn hinweisen kann. Das bedeutet also, dass mehrsprachige Kinder und Jugendliche während ihrer Entwicklung weniger graue Substanz im Gehirn abbauen, als dies bei einsprachigen Kindern der Fall ist. Für eine Untersuchung (Pliatsikas et al., 2020) wurden detaillierte Scans der Gehirne von Kindern und Jugendlichen ausgewertet. Bekanntlich nimmt die graue Substanz im Gehirn von klein auf ab, wobei jene Schlüsselareale des Gehirns, die mit dem Erlernen und dem Gebrauch von Sprache in Verbindung stehen, bei zweisprachigen Menschen während der Entwicklung weniger Abbau zeigen als bei einsprachigen Menschen, sodass die Auswirkungen auf das Gehirn, die bei erwachsenen zweisprachigen Menschen beobachtet worden waren, ihre Wurzeln vermutlich in der Kindheit haben dürften. Der Einfluss der Zweisprachigkeit auf die graue und weiße Substanz könnte auch eine Reihe von Vorteilen im Zusammenhang mit Sprache und kognitive Funktionen mit sich bringen, wie etwa die Leistung bei Aufgaben im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit und exekutiver Kontrolle, die bei älteren zweisprachigen Personen ebenfalls besser ist. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Förderung der Zweisprachigkeit in der Kindheit erhebliche Vorteile im späteren Leben haben kann.

Mehrsprachigkeit verändert also zunächst jene geistige Fähigkeiten, die zwar für den Gebrauch von mehreren Sprachen im Alltag notwendig sind, aber später auch für nicht unmittelbar sprachliche Kompetenzen genutzt werden, also etwa die Fähigkeit zur Verarbeitung von Störreizen und die Flexibilität beim Wechsel der Aufmerksamkeit von einem Aspekt auf einen anderen. Mehrsprachige Personen brauchen naturgemäß diese Fähigkeiten häufiger und intensiver, weil sie je nach Kontext die eine oder andere Sprache ausblenden und zwischen den Sprachen wechseln müssen.

Wermelinger, Gampe & Daum (2017) haben gezeigt, dass zweisprachig aufwachsende Kinder eher in der Lage sind, sprachliche Missverständnisse richtig zu stellen als einsprachig aufwachsende Kinder. Sie profitieren dabei von ihren Erfahrungen mit schwierigen Kommunikationssituationen. Kinder, die zweisprachig aufwachsen, sind hinsichtlich ihrer kommunikativen Fähigkeiten gegenüber einsprachigen Kindern im Vorteil, da zweisprachige Kinder im Alltag häufiger mit kommunikativen Missverständnissen konfrontiert sind, die einsprachige Kinder in dieser Form nicht erfahren. Dadurch können sie ihre kommunikativen Fähigkeiten vermutlich stärker üben. Da zweisprachig aufwachsende Kinder pro Sprache über weniger Vokabeln verfügen, benutzen sie häufiger unpassende Wörter, verwenden falsche Satzkonstruktionen oder wechseln während der Konversation in eine andere Sprache, sodass durch diese alltäglichen Erfahrungen zweisprachige Kinder geübter darin sind, sprachliche Missverständnisse zu entdecken und dann auch zu korrigieren.

Auch Menschen, die mit mehreren Dialekten leben, zeigen bessere Leistungen in Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests. Es scheint offensichtlich auch der Wechsel zwischen zwei Sprachformen der selben Sprache das Gehirn zu stimulieren, wenn jemand regelmässig zwischen solchen zwei Formen von Sprache wechseln muss.



Literatur

Pliatsikas, C., Meteyard, L., Veríssimo, J., DeLuca, V. , Shattuck, K. & Ullman, M. T. (2020). The effect of bilingualism on brain development from early childhood to young adulthood. Brain Structure and Function, doi:10.1007/s00429-020-02115-5.
Wermelinger, S., Gampe, A., & Daum, M. M. (2017). Bilingual toddlers have advanced abilities to repair communication failure. Journal of Experimental Child Psychology, 155, 84-94.
Die Welt vom 10. April 2016.

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