Zum Inhalt springen

Storytelling im Lernprozess


Hören Sie hinein in die neueste Folge unseres Podcasts:
Empfehlen Sie unsere Podcasts weiter! 

Storytelling bedeutet, wichtige Lerninhalte in eine Geschichte zu verpacken, dadurch Emotionen zu wecken, sodass diese Inhalte nachhaltig im Gedächtnis verankert bleiben. Gute Geschichten zeichnen sich durch Einfachheit aus, beinhalten aber immer wieder Überraschungsmomente, d. h., sie sind nicht linear vorhersehbar, begleiten Protagonisten und vor allem, sie berühren auf die eine oder andere Art und Weise emotional, bieten immer wieder Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der Zuhörenden.

Die Geschichte allein ist es daher nicht, die man für ein gutes Storytelling benötigt, vielmehr ist auch die Dramaturgie wesentlich, damit durch geschickt gesetzte Höhepunkte innerhalb einer Geschichte immer wieder für Neugierde und Interesse sorgt, sodass auch die notwendige Aufmerksamkeit für die Inhalte erhalten bleibt.

Dem menschlichen Gehirn fällt es durch die bei Geschichten zustande kommenden Assoziationen, Interaktionen und Emotionen um einiges leichter, Inhalte zu verarbeiten und nachhaltig, d. h., langfristig zu speichern. Dadurch fällt auch das Lernen leicht und macht im Idealfall sogar noch Spaß, da der Lernprozess nicht bewusst als solcher wahrgenommen wird, sondern dass die Inhalte beinahe en passant verstanden und verinnerlicht werden, wodurch Motivationsprobleme oft erst gar nicht auftreten. Geschichten sind auch aus neurobiologischer Sicht äußerst effektiv als Transportmittel für die Vermittlung von Ideen und Fakten, da es im Gehirn immer auf Verknüpfungen ankommt und bei allen intentionalen aber auch latenten Lernprozessen neuronale Muster aufgebaut und gefestigt werden. Je stärker das Gehirn Informationen an bereits Vorhandenes an- und miteinander verknüpfen kann, desto leichter gelingt es diesem, sich später an diese Informationen zu erinnern. Eine besonders gut geeignete Form, sich etwas einzuprägen, sind bekanntlich Bilder, denn Menschen denken gerne in Bildern, da sie sowohl kognitiv als auch emotional reichhaltiger als reine verbale Inhalte sind. Die sprachliche Entsprechung eines Bildes ist eben die Geschichte, weshalb man Kindern auch so gerne Geschichten erzählt und diese auxh Geschichten gerne hören, sodass diese immer wieder nach Wiederholungen verlangen. Geschichten helfen dabei, Bilder in unserem Hirn zu erzeugen. Völlig Neues kann man nur lernen, wenn es dafür Anknüpfungsoptionen gibt, also das Neue nicht nur über einen einzelnen sensorischen Kanal aufgenommen wird, sondern gleichzeitig zu riechen, zu schmecken, zu sehen, zu hören und zu fühlen ist. Und das tun im Prinzip Geschichten, denn in deren Rahmen gibt es viele Anknüpfungspunkte an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte, sodass man Geschichten besser im Gedächtnis abspeichern kann. Hinzu kommt die Subjekthaftigkeit von Geschichten, denn beim Erzählen von Geschichten bezieht man sich immer auf das Subjekt des Zuhörers, wobei jedes Subjekt sich daraus seine eigene Geschichte macht. Für Kinder haben Geschichten noch eine Zusatzfunktion, denn sie vermitteln ihnen Stabilität und Selbstvertrauen.

Storytelling ist eine wichtige Methode, um Lesern oder Zuhörern Informationen zu vermitteln, wobei es das Ziel ist, die relevanten Inhalte durch die Konstruktion der Geschichte einfach darzustellen und die Zielgruppe emotional zu fesseln. Geschichten sind im Vergleich zu reinen Inhalten lebendiger und berühren den Zuhörer auf unterschiedlichen Ebenen, sodass sie auch im Unterbewusstsein weiterwirken, wodurch man sich langfristig an den Inhalt erinnern kann. Es geht beim Storytelling um die indirekte Vermittlung von Botschaften und Wissen, verpackt in einer anschaulichen Geschichte. Schon Märchen, die sich die Menschheit bereits seit Jahrhunderten erzählt, funktionieren auf diese Weise, denn der Satz „Und die Moral von der Geschichte …“ funktioniert besser mit einem „Es war einmal …“ davor.
Aus der Sicht der Psychologie liegt die Effektivität des Storytelling in den zwei unterschiedliche Arten des Gedächtnisses: dem analytischen Gedächtnis, das für Planung und logische Argumentation zuständig ist, und dem biografischen oder narrativen Gedächtnis, das die Erlebnisse eines Menschen zu einer Geschichte zusammenfügt und emotional einordnet. Hört man eine Geschichte, reagiert das narratives Gedächtnis und erzeugt Emotionen, was gegenüber der Kommunikation reiner Fakten einige entscheidende Vorteile hat, denn Fakten sind für das menschliche Gehirn oft schwierig zu behalten. Werden Fakten aber in eine anschauliche Geschichte verpackt, entstehen Bilder im Kopf, die besser im Gedächtnis bleiben, denn Bilder wecken Neugier und die damit verbundenen Emotionen regen das menschliche Einfühlungsvermögen an. Kann sich der Empfänger mit einer Geschichte identifizieren, führt das zusätzlich zu einer emotionalen Involviertheit und Bindung an den Kommunikator, also etwa an eine Marke, was man vor allem in der Werbung einsetzt. Solche Geschichten müssen aber nicht zwingend erzählt oder geschrieben, sondern können auch in Bildern oder Musik enthalten sein.

Storytelling ist auch sinnvoll, um komplexe Inhalte besser zu verdeutlichen, denn es können dabei theoretische Zugänge und Aussagen über den Einsatz von Geschichten veranschaulicht und die Wirkung dadurch verstärkt werden.  Storytelling ist vor allem für das Erklären eines Sachverhaltes oder eines Prozesses mit Hilfe einer einfachen, anschaulichen und nachvollziehbaren Geschichte geeignet, wobei sich Storytelling hervorragend auch für die Vermittlung von Softskills eignet, denn es ermöglicht u. U. eine Identifikation mit den Protagonisten der jeweiligen Geschichte.

Bei der Fremdsprachenlernmethode TPRS (Teaching Proficiency through Reading and Storytelling) wird das Sprachenlernen wie bei der Birkenbihl-Methode nicht durch das Pauken von Grammatikregeln und von Vokabellisten erreicht wird, sondern durch den Aufbau mentaler Begriffe, wie sie die jeweiligen Sprachgemeinschaften im Laufe ihrer Geschichte entwickelt haben, und was wesentlich ist, vor allem in sozialen Situationen, in denen Sprache das Verhalten der Beteiligten koordiniert.

In der Werbung spielt Storytelling eine große Rolle, denn es ist das älteste Knowledge-Sharing-System, da das emotionale Eintauchen in eine Geschichte den Menschen hilft, Reaktanz und Skepsis auszublenden und die spielerische Konzentration fördert. Jede Geschichte braucht einen guten Grund, erzählt zu werden, hat einen Helden, beginnt mit einem Konflikt, berührt emotional und ist viral. Gute Geschichten kommen übrigens vorwiegend von der dunklen Seite.

Link: https://eltern.lerntipp.at/Birkenbihl-Methode.shtml (14-02-11)


Wie narrative Strukturen das menschliche Gehirn aktivieren, synchronisieren und prägen

Seit den frühesten Abschnitten der Menschheitsgeschichte bildet das Vermitteln von Geschehnissen in Form narrativer Strukturen eine fundamentale Säule des zwischenmenschlichen Austauschs, der Wissensweitergabe und des sozialen Zusammenhalts. Aus neurowissenschaftlicher Perspektive ist die Verarbeitung einer komplexen Narration keineswegs ein passiver Vorgang, sondern verlangt dem menschlichen Zentralnervensystem eine hochgradig koordinierte Höchstleistung ab. Über mehrere neuronale Netzwerke hinweg müssen fortlaufend Gedächtsnisinhalte geformt, emotionale Zustände interpretiert, logische Kausalketten geknüpft und kontinuierlich mit bestehenden Erfahrungsmustern abgeglichen werden. Das Zentrum dieser narrativen Informationsverarbeitung bildet das sogenannte Standardnetzwerk (Default Mode Network, DMN). Dieses neuronale Gefüge – bestehend unter anderem aus dem Gyrus angularis, dem Precuneus sowie dem medialen präfrontalen Cortex – fungiert als übergeordnete Regieinstanz. Es erschafft ein dynamisches internes Situationsmodell, das Ort, Zeit, Akteure und deren Beziehungsgeflecht kontinuierlich erfasst und aktualisiert. Sobald unerwartete Wendungen oder inhaltliche Brüche eine grundlegende Neubewertung der Geschehnisse erfordern, intensiviert dieses Netzwerk seine Aktivität drastisch, um das innere Modell der Realität neu auszurichten. Parallel dazu wird bei der Beobachtung sozialer Interaktionen das Mentalisieren-Netzwerk aktiv. Diese Struktur ermöglicht es, Gedanken, Absichten und Gefühlslagen anderer Entitäten nachzuvollziehen und deren Perspektive einzunehmen, selbst wenn diese von den eigenen Annahmen abweichen.Neurowissenschaften Beim Zuhören oder Lesen beschränken sich die Hirnaktivitäten keineswegs auf rein sprachverarbeitende Zentren. Vielmehr findet eine verkörperte Simulation statt: Beschreibungen von Bewegungen aktivieren motorische und prämotorische Areale, während gefühlsbetonte Passagen unmittelbar emotionsverarbeitende Areale ansprechen. Die Intensität dieser Resonanz hängt stark von der individuellen Vorerfahrung des Individuums ab. Ein besonders aufschlussreiches Maß für die Wirksamkeit einer Narration ist die sogenannte Inter-Subjekt-Korrelation. Neurowissenschaftliche Messungen belegen, dass fesselnde und strukturell durchdachte Inhaltsverläufe zu einer ausgeprägten zeitlichen Synchronisation der Gehirnaktivitäten verschiedener Rezipienten führen. Diese neuronale Gleichschaltung erstreckt sich in vielen Fällen sogar auf die sendende Person selbst: Das Gehirn der zuhörenden Instanz spiegelt zeitversetzt die Aktivitätsmuster des vortragenden Gehirns wider. Emotionale Erregung, dramatische Wendungen und eine negative Gefühlstönung verstärken diese Synchronizität erheblich und führen zu einer nachhaltigeren Verankerung im Langzeitgedächtnis. Während steigende Spannung das neuronale Aufmerksamkeitsnetzwerk schärft, signalisieren überraschende Wendungen dem Hippocampus einen Abweichungsfehler, was bestehende Gedächtnisspuren geschmeidig macht und neue Verknüpfungen begünstigt. Aus diesen neurobiologischen Erkenntnissen lassen sich grundlegende Prinzipien für eine wirkungsvolle Informationsvermittlung ableiten: Kausale Verknüpfung statt bloßer Reihung: Die explizite Darstellung von Ursache und Wirkung entspricht der natürlichen Funktionsweise des Standardnetzwerks und erleichtert die logische Einordnung von Informationen ungemein. Gezielter Spannungsaufbau und Erwartungsbruch: Ein strukturierter Bogen aus Hinführung, Zuspitzung und Auflösung bündelt die Aufmerksamkeit. Unerwartete Wendungen aktivieren den Hippocampus und sichern eine tiefe Verankerung im Gedächtnis. Multisensorische und emotionale Verankerung: Anschauliche, bildhafte Beschreibungen aktivieren sensorische sowie motorische Areale des Gehirns und erzeugen eine physisch erfahrbare Simulation, die reine Faktenaufzählungen an Erinnerungswert weit übertrifft. Identifikationsflächen und Perspektivwechsel: Vielschichtige Charaktere regen das Mentalisieren-Netzwerk an und steigern die neuronale Resonanz beim Gegenüber nachhaltig. Insgesamt zeigt sich, dass kohärente Narrationen die menschliche Informationsverarbeitung in einzigartiger Weise beanspruchen, strukturieren und verbinden. Sie beeinflussen nicht nur Aufmerksamkeitssteuerung und Erinnerungsvermögen maßgeblich, sondern besitzen nachweislich auch das Potenzial, physische und psychische Belastungswahrnehmungen zu reduzieren.



Literatur

Stangl, W. (2016, 24. August). Lernen: Die Neurobiologie des Erzählens . Stangl notiert ….

Lernen: Die Neurobiologie des Erzählens


http://treibstoff.newsaktuell.de/was-geschichten-im-gehirn-bewirken/ (17-03-05)